Vom Fluch der Karibik über den Dächern Löwens

Läuft man durch die Straßen von Löwen, fühlt man sich zunächst durch die zahlreichen pittoresken Gebäude ins europäische Mittelalter zurückversetzt. Erst bei näherer Betrachtung kann man folgende Symbole an vielen Häusern entdecken.

Jene Steine erinnern an den verheerenden Brand von 1914 durch deutsche Soldaten, bei dem auch ein Neusser Landsturmbataillon eine unrühmliche Rolle gespielt hatte. (vgl. Artikel Vortrag zur Rolle des Neusser Landsturmes bei der Zerstörung der Stadt Löwen) Rund ein Neuntel aller Gebäude wurde dabei komplett zerstört, 209 Zivilisten erschossen und 650 weitere nach Deutschland deportiert. Auch die berühmte Universitätsbibliothek von Löwen wurde niedergebrannt. Ungefähr 300.000 Bücher, 800 mittelalterliche Inkunabeln sowie 1.000 Manuskripte und ein Teil des Universitätsarchivs fielen den Flammen zum Opfer.

Seit Beginn des laufenden Schuljahres widmen sich die Teilnehmer des Projektkurses Geschichte des Marie-Curie-Gymnasiums intensiv der belgisch-deutschen Geschichte zwischen 1914 und 1926, also auch jener Zeitspanne, in die die große Brandkatastrophe fällt. Diese historische Forschungsarbeit ist Teil eines Kooperationsprojektes mit Schülern des Sint-Pieterscolleges in Löwen. Während die MCG-Schüler die belgische Besatzungszeit in Neuss infolge des Versailler Vertrags erforschen, setzen sich die belgischen Schüler ihrerseits mit der deutschen Besatzung während des Ersten Weltkriegs auseinander. Im Fokus stehen dabei folgende Bereiche: Bildung, Nahrungsversorgung, Religion, Freizeit und Kulturangebote sowie Rechtssprechung.

Am 25. Januar 2018 folgte der Projektkurs Geschichte nun der Einladung der belgischen Kooperationspartner und reiste gemeinsam mit der Lehrerin Annika Dötsch sowie dem Leiter des Neusser Stadtarchivs, Dr. Jens Metzdorf, nach Löwen. Nach dem herzlichen Empfang seitens der Stadtarchivarin Marika Ceunen wurden die Besucher durch Koen Dobbelare, der auf belgischer Seite die Schüler bei ihrer Forschungsarbeit unterstützt, durch das Archiv geführt. Dabei konnten unter anderem deutsche Aushänge in Plakatform, Fotografien und Propagandapostkarten im Original begutachtet werden.

Gegen Mittag wurden die Kursteilnehmer dann im Sint-Pieterscollege erwartet. Nach einem kurzen Kennenlernen tauschten sich die Schüler über ihre jeweiligen Forschungsergebnisse aus. Die Teilnehmer des Projektkurses zeigten sich überrascht von der so genannten Flamenpolitik der deutschen Besatzer. Durch ausgewählte Maßnahmen (z.B. Privilegien) hätten die Deutschen versucht, die flämische Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen. Das kulturelle Leben sei in jener Zeit zum Erliegen gekommen, da Einrichtungen wie Bibliotheken, Schulen usw. von der Militärregierung beansprucht worden waren. In Kinos hätten nur deutsche Filme als Propagandamedium gezeigt werden dürfen. Aufgrund der katastrophalen Versorgungslage habe sich ein Teil der Löwener Bevölkerung gar von Tierfutter ernähren müssen. In gemischten Gruppen nahmen die Schüler schließlich an einem Quiz über die Löwener und Neusser Geschichte teil, das mitunter für viel Erheiterung sorgte und einen spielerischen Abschluss des Kennenlernens bildete. Anschließend wurden die Besucher aus Neuss von Rudi Thomassen, einem ehrenamtlichen Stadtführer, empfangen und durch den Großen Beginenhof (Groot Begijnhof, UNESCO-Weltkulturerbe) geführt. Die Schüler staunten nicht schlecht, als sie erfuhren, dass heutzutage Studenten und Gastprofessoren in den schmucken Häusern wohnen. Der erlebnisreiche erste Tag klang dann mit belgischen Spezialitäten (Waffeln, Pommes frites) aus.

Am nächsten Morgen gab es ein Wiedersehen mit Rudi Thomassen, der weitere Anekdoten zur Löwener Geschichte bei einer Stadtführung für die Neusser bereithielt. Myrvete Mustafi, eine der Kursteilnehmerinnen, schwärmte: “Rudi erzählt die Hintergründe so anschaulich, als ob er selbst in jener Zeit gelebt hätte.” Berührend war auch der Besuch der Sint-Pieterskerk (Sankt Peterskirche), die ebenfalls während des großen Brandes von 1914 zerstört worden war, mitsamt des bekannten Glockenspiels, das ursprünglich aus der etwas außerhalb von Löwen gelegenen Parkabtei stammte. Dieses Glockenspiel wird nun als Friedensglockenspiel durch die Beteiligung beider Städte wiedererstehen. Auf Initiative des Projektkurses Geschichte hatte sich auch das Marie-Curie-Gymnasium an dem Fundraising-Projekt beteiligt. Am 11. November 2018, auf den Tag genau 100 Jahre nachdem Glocken in Belgien, Frankreich und den Niederlanden den Frieden verkündeten, soll es erstmals wieder erklingen. Einer der Hauptkoordinatoren auf belgischer Seite ist Luk Rombouts, der Carillonist der Universitätsbibliothek.

 

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Er nahm sich persönlich Zeit für eine Führung durch die Universitätsbibliothek samt Glockenturm, von dem man eine fantastische Sicht über die Stadt hat. Nach dem Ersten Weltkrieg sei das Gebäude fast vollständig mit amerikanischen Mitteln wieder errichtet worden. Viele Privatpersonen und Vereine sind als Spender auf Tafeln im Treppenhaus verewigt. Die große Glocke des dortigen Glockenspiels trage daher in Anlehnung an das US-amerikanische Original aus Philadelphia den Namen “Liberty Bell”.
Den Höhepunkt des Besuchs stellte zweifelsohne das “Privatkonzert” von Luk Rombouts dar. Auf diese Weise erhielten die Neusser einen ganz besonders lebendigen Eindruck der flandrischen Carillontradition. Auf Wunsch der Besucher spielte er den Titelsong der Filmreihe “Fluch der Karibik”, der schließlich über ganz Löwen ertönte. Anschließend wurde es mit John Lennons “Imagine” etwas besinnlicher. Till Lubrich, ein weiterer Kursteilnehmer, hatte nach einer kurzen Unterweisung dann noch die Möglichkeit gemeinsam mit Luk Rombouts zu spielen. Dafür erhielt der MCG-Schüler schließlich ein vom Carillonisten unterzeichnetes (nicht ganz ernst gemeintes) Diplom. Gerührt von der großen Gastfreundschaft der Belgier und mit zahlreichen unvergesslichen Erlebnissen im Gepäck traten die Besucher schließlich die Heimreise nach Neuss an.

Auf deutscher Seite gilt unser Dank vor allem dem Forum Archiv und Geschichte Neuss e. V. sowie dem Förderverein des Marie-Curie-Gymnasiums, die diese Forschungsreise großzügig unterstützt haben.

[DÖT]

 

 

Fotoquelle:  Homeros 29 from nl [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons
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