Wirtschaft, Wachstum, Wohlstand – ist mehr eigentlich immer mehr?

Der Abend begann multimedial. Auf einer eigens aufgebauten Leinwand sahen die Anwesenden einen Zusammenschnitt von Fernsehbildern, wie sie uns seit einigen Jahren nur allzu vertraut geworden sind: Man sieht Finanzexperten lächeln, Firmenbosse lächeln, sogar Politiker lächeln. Gut aufgelegte Moderatoren stehen vor riesigen Diagrammen, deren Pfeile alle nach oben zeigen, denn die deutsche Wirtschaft wächst. Das ist gut, denn Wachstum bedeutet Wohlstand. Wir brauchen Wachstum; umso mehr, umso besser. Immer mehr. Wirklich? Schon waren wir bei den Kernfragen des von den Kollegen Heinz, Jesse und Nagel organisierten Denkateliers. Wieviel Wachstum brauchen wir? Wieviel Wachstum wollen wir überhaupt?
Mehrere Teams aus Oberstufenschülern hatten sich des Themas angenommen und es aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Schon bald bekam das schöne Bild vom immerwährenden Wachstum Risse, denn dieses Wachstum hat seinen Preis.

Ihn zahlt zum Beispiel die Natur. Riesige Areale sind schon zerstört, Arten sind verschwunden und Rohstoffe sind restlos aufgebraucht. Wir betrachten die Natur seit jeher als eine Ansammlung von Objekten; ein einmaliges Geschenk, welches uns zur freien Verfügung steht. Wir können – so glauben wir – mit ihm machen, was wir wollen. Aber sind wir nicht auch Verantwortlich für die Erhaltung dieses Geschenkes? Wenn schon nicht um seiner selbst willen, dann doch um den nächsten Generationen ähnlich gute Bedingungen zu hinterlassen, wie wir sie selbst vorgefunden haben?

Ohne Zweifel hat das Wachstum auch viele Gewinner hervorgebracht. Doch es gibt keineswegs nur Gewinner – nicht hierzulande und schon gar nicht global gesehen. Wie der Finanzhai Gordon Gekko bereits 1985 im Film „Wall Street“ festgestellt hat: „Was der eine gewinnt, muss der andere verlieren. Das Ganze ist ein Nullsummenspiel.“ Fair ist es nicht.
Mit diesen Denkanstößen wurde das Publikum in eine Pause entlassen, um sich über Eindrücke und eigene Erfahrungen auszutauschen. Danach sollten die Ergebnisse diskutiert werden.
Der Beginn einer Diskussion ist oft eine schwierige Phase im Ablauf einer Veranstaltung, sei es eine Konferenz, eine Unterrichtsstunde oder eben das Denkatelier. Es kann eine lange, peinliche Zeit des Schweigens sein, in der sich keiner so recht vorwagen will. Es kann aber auch passieren, dass einige wenige Personen die Initiative an sich reißen und andere kaum zu Wort kommen lassen. Beide Befürchtungen waren beim Denkatelier jedoch unbegründet. Viele der Anwesenden leisteten Beiträge, hörten einander zu und ließen einander ausreden. Dieses von Respekt und Sachlichkeit geprägte Gespräch ermöglichte es dem Moderator Heinz schon bald, sich immer mehr zurückzuziehen.
Viel Einigkeit herrschte beim Thema „bisheriges Wachstum“. So wie bisher kann und wird es nämlich nicht mehr lange weitergehen. Ein Umdenken ist dringend erforderlich und sollte möglichst bald erfolgen.

Viel weniger Einigkeit herrschte bezüglich der Konsequenzen. Was genau muss sich ändern? Wer kann, wer soll – ja wer will überhaupt etwas unternehmen? Die Wirtschaft? Wohl kaum, denn Firmen orientieren sich naturgemäß am Profit und weniger an moralischen oder ökologischen Grundsätzen. Die Politik? Da stößt man schnell an jene Grenze, an welcher der politische Gestaltungsauftrag aufhört und die Bevormundung der Bürger anfängt. Oder sind wir alle, jeder einzelne von uns, verantwortlich? Wir, die wir ja letztlich alle dieses Spiel mitspielen!
Vielleicht haben aber auch die Wachstumsbefürworter Recht. Sie argumentieren, dass die Wirtschaft möglichst hohe Gewinne erzielen muss. Das würde auch dem Staat ein hohes Steueraufkommen zur Verfügung stellen. Nur so könne in die Forschung investiert und geeignete Problemlösungen entwickelt werden.
Vermutlich hätten die Teilnehmer des Denkateliers noch eine ganze Weile weiterdiskutiert, wenn Moderator Heinz die Veranstaltung nicht angesichts der fortgeschrittenen Stunde – es war mittlerweile fast 21 Uhr – zu einem Abschluss gebracht hätte.

Zu einer Lösung des Problems war man nicht gekommen, aber das war angesichts der Komplexität des Themas auch gar nicht zu erwarten gewesen. Dennoch war am Ende niemand unzufrieden, denn, so meinte einer der Teilnehmer, während man in anderen Kreisen noch nicht einmal erkannt hatte, dass es überhaupt ein Problem gäbe, hätte man an diesem Abend im Bistro des MCG sogar schon damit begonnen, über Lösungen nachzudenken. Gemeinsam nachzudenken – dafür ist das Denkatelier am MCG wirklich eine geeignete Veranstaltung. [TRB]