Warum unser Bild vom Keulen schwingenden, buckligen Neandertaler falsch ist

Bei der Erforschung der Menschheitsentwicklung spielt die Untersuchung von Fossilfunden eine zentrale Rolle. Vor allem fossile Schädel zeigen in ihrem Bau deutliche Unterschiede und damit Tendenzen der Menschwerdung auf. Doch anhand welcher Kriterien kann man dies beobachten? Wie muss man sich die menschliche Entwicklung und den menschlichen Stammbusch auf Basis der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse vorstellen?

Um eine Antwort auf diese zentralen Fragen der Humanevolution zu erhalten, nahm der Biologie Leistungskurs (Q2) an einem anthropologischen Workshop in der Steinzeitwerkstatt des Neanderthal Museums teil. Zunächst bekamen die Schülerinnen und Schüler konkrete Beobachtungskriterien an die Hand und eine Einführung in die Fachsprache der Paläoanthropologen. So werden die Wissenschaftler genannt, die sich mit der Erforschung der frühen Menschheitsgeschichte beschäftigen.

Im Anschluss daran durften die Schülerinnen und Schüler selbst in die Forscherrolle schlüpfen und Abgüsse berühmter fossiler Schädel zum Sprechen bringen. Merkmale, wie die Größe des Gehirn- und Gesichtsschädels, die Lage des Hinterhauptlochs oder die Kieferform halfen den Jungforschern bei der Einordnung der Untersuchungsobjekte in den Stammbusch der Menschheit. So ist es aufgrund der Lage und der Ausrichtung des so genannten Hinterhauptslochs am Schädel sehr wahrscheinlich, dass die drei Gattungen Paranthropus, Australopithecus und Homo bereits dauerhaft aufrecht gingen. Abschließend stellten die Gruppen im Plenum ihre gewonnenen Erkenntnisse vor.

Im Verlauf des Workshops rückte der Kursleiter Florian Gumboldt die weit verbreitete Vorstellung vom buckligen, primitiv erscheinenden Neandertaler gerade. Das falsche Bild geht auf einen stark deformierten Fossilfund aus dem Irak zurück, der fortan als Vorlage für Schädelabgüsse diente.

Bei dem Fund aus dem Irak handelte es sich um einen etwa 45 Jahre alten Mann. Seine bucklige Erscheinung war die Folge einer Knochenerkrankung (Rachitis). Außerdem wies sein Schädel sichtbare Verletzungen der linken Schädelhälfte sowie des linken Auges auf, welche im Schädelabguss erkennbar waren. Wie die Schülerinnen und Schüler erfahren durften, führte dies z.B. zu Einschränkungen im Gesichtsfeld und in der Motorik. Zudem waren seine Ohrknöchelchen verknöchert, folglich muss er taub gewesen sein. Neuere Untersuchungen konnten schließlich nachweisen, dass der Neandertaler-Mann sich die Verletzungen bereits im Jugendalter zugezogen hatte. Durchschnittlich erreichten Neandertaler jedoch nur ein Alter von 30 Jahren. Durch die Schädeluntersuchung konnten die Schülerinnen und Schüler so auch Rückschlüsse auf das Sozialverhalten der Neandertaler ziehen.

Abschließend berichtete Florian Gumboldt noch aus dem relativ jungen Wissenschaftszweig der so genannten Paläogenetik. Dank moderner molekulargenetischer Verfahren weiß man heute, dass jeder Homo sapiens, genau genommen jeder Mensch nördlich der Sahara, zwischen 1,8 und 2,6% Neandertaler-DNA in sich trägt. In jedem von uns steckt also ein bisschen Neandertaler.

Diese Neandertaler-Gene beeinflussen z.B., wie leicht wir bräunen, machen uns aber auch anfälliger gegenüber Krankheiten wie Diabetes Typ II, Morbus Crohn oder Depressionen.

Im Anschluss an diesen spannenden und anschaulichen Workshop hatten die Schülerinnen und Schüler noch Gelegenheit die aktualisierte Dauerausstellung des Neanderthal Museums zu besuchen.   [Döt]